Der ESC – unberechenbar? Nicht wirklich!

Nachdem ich mir im gestrigen Blogeintrag die Erfolgsstrategien in der Gründerzeit und in den letzten Jahren beim Eurovision Song Contest (ESC) angesehen habe, möchte ich heute den Fokus auf die 70er-, 80er- und 90er-Jahre legen.

Nachdem 1970 Dana für Irland hauptsächlich durch den Unschuldsfaktor gewonnen hatte, triumphierte 1971 Séverine für Monaco mit bis dahin beim ESC noch nie derart sichtbarem Siegeswillen. Sie verkörperte „Un banc, un arbre, une rue“ radikal und mit absoluter Hingabe – noch eindrücklicher als schon Corry Brokken 1958 oder Isabelle Aubret 1962 ihren Beiträgen Leben eingehaucht hatten (vgl. Blogeintrag). Dieser effektive Gefühlssturm machte in Gestalt von Vicky Leandros („Après toi“) und Anne Marie David („Tu te reconnaîtras?“) in den darauffolgenden Jahren 3 x in Folge das Rennen.Der Sieg ABBAs 1974 darf als ESC-Meilenstein in der Hinwendung zum Pop gelten. Dagegen war Gigliola Cinquettis schmachtende Interpretation von „Sì“ (Platz 2 für Italien) ebenso chancenlos wie 1975 Wess & Dori Ghezzis dahintuckerndes „Era“ (Platz 3 für Italien), das hinter den Band-Nummern „Let Me Be The One“ (Platz 2 für Großbritannien) und „Ding-a-dong“ (Platz 1 für die Niederlande mit der in Österreich aufgewachsenen Getty Kaspers als Frontfrau) landete.„Waterloo“ 1974, „Ding-a-dong“ 1975 und (das bis dato kommerziell erfolgreichste ESC-Siegerlied) „Save Your Kisses For Me“ 1976 vereint, was auch die beiden israelischen Pop-Formationen 1978/’79, Bucks Fizz 1981 und die skandinavischen Erfolgstruppen 1984/’85 erfolgreich umsetzten: eine Leichtigkeit und Unbeschwertheit suggerierende Perfektion in Melodie, Arrangement und szenischer Umsetzung. Bei Gruppennummern genügt es nicht nur, wenn die Hauptsänger*in gute Figur macht und zielbewusst mit der Kamera flirtet. Alle müssen miteinander harmonieren, denn die Stimmung auf der Bühne überträgt sich auf das Publikum im Saal und vor den Fernsehschirmen.

Solokünstler wie die ESC-Legende Johnny Logan 1980/’86, Corinne Hermès 1983 oder (noch nicht) Weltstar Céline Dion 1988 mussten da naturgemäß einen anderen Weg beschreiten, wie er schon am Beispiel von Corry Brokken illustriert wurde.

Die 90er-Jahre brachten in Sachen Erfolgsrezept für einen ESC-Sieg anfangs nichts Neues. Erst mit der Umstellung von Juryabstimmung auf Televoting war der Weg frei, dass andere, unblockiertere Beiträge das Rennen machen. War noch 1996 das ausgelassene und zeitgeistige  Ooh aah… Just A Little Bit von den Jurys verhindert worden, strahlte 1998 Israels Hymne auf die „Diva“, den Sieg (Victoria) und die Liebe (Afrodita) knapp aber doch auf Platz 1. Dana Internationals Triumph stellt nach Schwedens „Waterloo“ einen weiteren ESC-Meilenstein und den damals so dringend nötigen Selbstbefreiungsakt Europas Musikfestivals dar:Es liegt nun in den Händen der ESC-Steuerungsgruppe (ESC Reference Group), ob der unverstellte Blick des televotenden Millionenpublikums in Zukunft wieder mehr Einfluss erhält als die Fachjurys, die seit 2009 zumindestens wieder zu 50 % das Sagen haben und 2015 den eigentlichen Sieger Italien verhindert haben. Einen Sieg zu programmieren bleibt so oder so unmöglich, aber ein dank Know-how und Intuition für die Eurovision hart erarbeiteter Platz unter den Top Ten? Oh ja, das ist möglich – 60 Jahre Song Contest haben es uns in diesem und dem gestrigen Rückblick gezeigt!

meint Song-Contest-Consulter Mario Lackner

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2 Gedanken zu „Der ESC – unberechenbar? Nicht wirklich!

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