DER KRIEG BEGINNT IN UNS

Europaweit werden Millionen für Prävention ausgegeben während die NATO und Russland in der Ukraine mit dem Feuer spielen. Macht Vorsorge da noch Sinn?

1948 zog die Menschheit ihre Lehren aus dem II. Weltkrieg und die neu gegründete UNO verabschiedete die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Auf was man sich damals nicht alles verständigte! Artikel 11, Absatz 1 beispielsweise: „Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf […] stetige Verbesserung der Lebensbedingungen [an]. Die Vertragsstaaten unternehmen geeignete Schritte, um die Verwirklichung dieses Rechts zu gewährleisten[.]“ und nicht minder visionär der Anfang von Artikel 12: „Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf das für ihn erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit an.“, wobei zur vollen Verwirklichung dieses Rechts richtigerweise „Maßnahmen zur Vorbeugung, Behandlung und Bekämpfung epidemischer, endemischer, Berufs- und sonstiger Krankheiten“ als erforderlich angesehen werden. Vorbeugung, sprich Vorsorge/Prävention fiel damals schon als Zauberwort.

Bald 70 Jahre nach diesen Lippenbekenntnissen wurde weder weltweit noch hier in Europa erkannt, dass ein Schritt bestens geeignet wäre, um obige Ziele zu erreichen: Investitionsstopp in (Atom-)Waffen und anderes Kriegsgerät. Da hilft uns leider kein von EU, Land, Bund oder Gemeinde geförderter Selbstverteidigungskurs und kein Anti-Gewalt-Aktionstag in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Verein, wenn aktuell die Lage politisch derart eskaliert und beispielsweise die deutsche Regierung das Tabu bricht und Business mit Waffenlieferungen in Kriegsgebiete macht oder Österreich (offiziell neutral!) Überflugsrechte für NATO-Militärmaschinen gewährt.

Angst treibt unsere Regierungen an, Angst verbreiten täglich die Massenmedien, Angst führt in geistig-körperliche Anspannung hinein. Diese Spannungen entladen sich dann unwillkürlich, wie derzeit in unseren Mitmenschen, die sich bewaffnet in der Ost-Ukraine gegenüberstehen. Sie schmeißen die Nerven weg und drücken ab. Schüsse, Vergewaltigungen, Mord und Totschlag.

Furchtbar, schrecklich – so funktioniert das menschliche Spiel namens Kapitalismus. Die Wirtschaft lebt nicht nur vom Verkauf von Waffen, sondern auch vom Wiederaufbau in ehemaligen Kriegsregionen (siehe Ex-Jugoslawien). Sie lebt davon, dass wir zerstören und anschließend wieder brav konsumieren. Je mehr Geld ausgegeben wird, desto besser! Wenn wir aber zufrieden, nicht needy, vielleicht sogar so etwas wie glücklich sind, dann gerät Sand ins Getriebe des vorherrschenden Wirtschaftssystems. Daher werden Produkte so konzipiert, sodass sie entweder nicht ewig halten und dadurch ein profitabler Ersatzteilmarkt entsteht oder wir eine derartige Markenbindung zu diesen Produkten aufbauen, die an suchtähnliche Abhängigkeit grenzt. Nehmen Sie einem eingeschworenen Apple-User nur für eine Minute sein heiliges iPhone weg oder verbieten Sie sich mal selbst eine Woche lang Facebook zu verwenden oder die eigene Lieblingssendung (sei es eine Serie, die Nachrichten oder Pornos) zu schauen. Und wie geht es Ihnen, wenn Sie im Geschäft nicht „Ihre“ Zigarettenmarke, „Ihren“ Energydrink oder „Ihre“ Kaffeesorte bekommen? Marketing und PR von Großkonzernen haben uns mehr in der Hand, als uns lieb ist, nicht wahr?

Verstehen wir diese Zusammenhänge, verwundert es nicht weiter, dass Präventionsmaßnahmen nicht mit Nachdruck in Nationalen Aktionsplänen koordiniert werden, jede zuständige BundesministerIn und LandesrätIn ihr eigenes Süppchen kocht und auf EU-Ebene laufend über „Bankenrettungen“, Wirtschaftssanktionen und Abschottung gegenüber „Flüchtlingsströmen“ und „Terrorismus“ debattiert wird, aber gesundheitliche Vorsorgeprogramme keine Gipfeltreffen und Schlagzeilen wert sind.

Dabei stehen uns bereits alle Werkzeuge zur Verfügung, um mehr individuelle und gesellschaftliche Gesundheit zu leben! Insbesondere im Bereich der Sexuellen Bildung gibt es längst vielversprechende Ansätze, die vom WHO-Regionalbüro und der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) in einer Sammlung von Standards für die Sexualaufklärung zusammengefasst wurden. Dazu der Südtiroler Erziehungswissenschaftler, Sexualpädagoge und -berater Dr. Michael Peintner:

Ich finde es gut, dass es endlich ein Standardpapier gibt, an dem man_frau sich einheitlich orientieren kann. Allerdings gibt es für mich auch einige Kritikpunkte: Das Papier orientiert sich vor allem an den Schulen. Ist Sexualpädagogik außerhalb der Schule nicht vorgesehen? […] Außerdem vermisse ich gänzlich den Diversity-Ansatz. So wird von einer Zweigeschlechterkonstruktion ausgegangen. Dies entspricht nicht dem aktuellen Diversity-Ansatz der Sexualpädagogik, die versucht, die Menschen nicht in eine Geschlechterkategorie zu pressen.“

Im österreichischen Netzwerk Sexualpädagogik wurden darüber hinaus vier Punkte diskutiert, die zur tatsächlichen Verwirklichung köperbezogener Menschenrechte führen und langfristig betrachtet die Ausgaben im Gesundheitssystem reduzieren sollen:

  1. Bewusstseinsbildung bei politischen EntscheidungsträgerInnen.
  2. Staatliche Ausbildungsstandards für Sexualpädagog/berater/therapeut/forscherInnen.
  3. Stärkung der Integration von Menschen mit Behinderungen, anderer Sprache, Herkunft, Hautfarbe, Religion, sowie nicht-heteronormativen Identitäten und queeren Lebensweisen durch Diversity-orientierte, ganzheitliche Methodik.
  4. Flächendeckende Bildungsmaßnahmen, was zu weniger ungewollten Schwangerschaften und Abbrüchen und damit mehr Kinderglück, weniger sexualisierte Gewalt und Suchtpotenzial, aber mehr Selbstbestimmung, weniger sexuell übertragbaren Infektionen und angstbesetztem Sex und parallel dazu zu mehr Genuss und Beziehungsfähigkeit führen würde.

Mehr Gesundheit durch mehr Bildung ist hier die Devise, die offensichtlich ihre Wirkung nicht verfehlt:

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich sexualpädagogische Projekte auch positiv auf das Zusammenleben in der Klasse ausgewirkt haben“, erläutert Dr. Peintner,Beispielsweise nahmen sexualisierte und verletzende Schimpfwörter ab. Eltern hatten uns rückgemeldet, dass […] familiäre Gespräche über Sexualität besser gelungen sind. Von den Schüler_innen bekamen wir stets die Rückmeldung, dass sie es nicht für möglich gehalten haben, dass man_frau sich über Sexualität auch ganz ’normal‘ unterhalten kann. Auch hier war die Effektivität spürbar. Kinder und Jugendliche bekommen einen Raum, wo darüber gesprochen werden kann und wo man_frau auch nicht perfekt sein muss und nicht alles wissen muss.

Caroline Jacot-Descombes vom Projekt schulische Sexualerziehung des Vereins SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz unterstreicht die Wichtigkeit von kontinuierlichen und nachhaltigen Bildungsmaßnahmen, die den Menschen in den Mittelpunkt rücken und nennt Vorzeigemodelle in Übersee:

„Insbesondere im Bereich der Peer Education und zum Thema sexuellen Missbrauch gibt es in Kanada interessante Modelle, die nicht nur die Opfer in den Fokus ziehen. Die Förderung sexueller Gesundheit und ein salutogenetischer Ansatz implizieren eine positive Sicht von Sexualität und einen ganzheitlichen Ansatz in der Sexuellen Bildung. Der Beitrag, den Sexualität zur menschlichen Entwicklung leistet, sollte in den Mittelpunkt gerückt werden, nicht die Risiken. Das Ziel muss sein Sexualität nicht nur aus einer biologischen Perspektive zu behandeln, sondern die Fähigkeiten zu stärken selbstbewusst zu entscheiden und effektiv zu kommunizieren, um letztendlich ein gutes Selbstwertgefühl zu erlangen.“

Frieden beginnt ebenso in uns wie Krieg. Wenn wir uns nicht von der massenmedialen Kriegstreiberei anstecken lassen und – selbstbewusst – unsere politischen EntscheidungsträgerInnen durch ein E-Mail hier und ein Gespräch dort daran erinnern, dass es nicht darum geht gegen jemanden zu kämpfen oder sich gegenüber anderen abzuschotten, sondern integrativ zu wirken und mit Nachdruck zeitgemäße Präventionsprogramme zu verfolgen, die uns eine friedlichere und gesündere Zukunft ermöglichen als das aktuelle kapitalistische Angstsystem, dann haben wir schon viel getan. Ich habe mit diesem Artikel einen Beitrag geleistet.

Wann sind Sie und du dran?

fragt Mario R. Lackner

Dipl. Sexualberater und -pädagoge, 2010 Diplomarbeit zu „Sexuellen Rechten in der Ostzusammenarbeit“ am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien, Autor der Asta-Trilogie (Verlag Berger 2011-13) und Co-Autor von Conchita Wurst – backstage (Edition Innsalz 2014). Weitere Infos im Interview!

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