Wasserdampf und Ausverkauf. Eine Entscheidungshilfe für unsere Landtagsabgeordneten zum Thema Windkraft.

Eingabe gegen den geplanten Windpark Sigmundsherberg hier nachlesen! Folgend der Brief in der Fassung vom 12.4., der am 18.2.2014 an alle nö. Landtagsabgeordneten ging.

Dukovany / Weitersfeld / St. Pölten / Wien / Brüssel

Wasserdampf.

Vier breite Wasserdampfsäulen vereinigen sich zu zweien, steigen zu den Wolken auf, werden eins mit dem blauen Himmel über dem Grenzland von Südmähren zu Niederösterreich. Ich sehe sie auf meinem Weg zur Arbeit, wenn ich über Weitersfeld nach Sigmundsherberg bei Horn fahre. Wasserdampfsäulen der vier Kernreaktoren des Atomkraftwerkes Dukovany.

1978 stimmten 50,5 % Österreichs gegen die Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf. Das legte den Grundstein zu einem (neben immerwährender Neutralität, Schisport und der Kultivierung des Suderns und Raunzens) wichtigen Aspekt österreichischer Identität:

BildDie in der Alpenrepublik tief verwurzelte Ablehnung der Kernenergie macht sich die Industrie zunutze. PR, Werbewirtschaft und Marketing jonglieren mit diversen Formen psychischer MANIPULATION.   Es gehört in der „freien” Marktwirschaft zu ihrem Job uns – angeblich – lukrative Angebote zu unterbreiten, uns Dinge so zu verkaufen, als ob wir sie unbedingt bräuchten, ja die Produkte ihrer Auftraggeber all unsere Sehnsüchte stillen könnten. Nur, was brauchen wir wirklich für ein gutes Leben von alldem, was uns tagtäglich in der Werbung aufgeschwatzt wird? Was?

Im Falle der – ohne Übertreibung gigantischen – Kraftwerke, die zur Zeit vielerorts in Niederösterreich geplant sind, sind die Auftraggeberinnen private Firmen, Konzerne und Unternehmen wie z.B. die WEB oder die Bundesforste AG. Sie verfolgen ihren betriebswirtschaftlichen Erfolg im Vertrieb von Mega-Windkraftanlagen. Naturgemäß schaut dabei auch die Energiewirtschaft auf den eigenen Vorteil, Gewinn und eine positive Jahresbilanz, die die Taschen ihrer Mitgesellschafter und Aktionär*innen füllen. Vollkommen legitim und null Anlass zu einer Neiddebatte.

„Dank” hochprofessioneller Verkaufsstrategien und teils millionenschwerer Werbebudgets der Privatinvestoren und Großindustriellen im Hintergrund ist es verständlich, dass sich keiner von uns der Flut an Informationsbroschüren, Inseraten und positiven Argumenten erwehren kann. Kein Wunder, dass gerade beim Forcieren der Riesen-Windkraftwerke mit 200 Metern Höhe immer wieder die böse Kernenergie des tschechischen Nachbars ins Spiel gebracht wird und wir alle doch stolz sein sollten Pioniere der großen europäischen Energiewende zu werden! Apropos Europa: Naturgemäß begann das Lobbying für die zur Zeit diskutierte, Wälder zerstörende, Naturlandschaften entweihende Form der Windkraft auf Brüsseler Ebene, bevor man sich auf nationale und regionale Ebene vorarbeitete, um mit dieser mittlerweile veralteten Technologie schließlich bei den Bürgermeistern zu landen.

Think globally, act locally …und dreh den Leuten am Land schnell noch deine Ausschussware an, bevor es ein jeder checkt, dass in wenigen Monaten kein Hahn mehr danach krähen wird, denn die nächste Windkraft-Technologieinnovation und andere Alternativen warten längst auf Markteinführung!

Am empfänglichsten für die Offerte der Energiekonzerne sind selbstverständlich finanzielle Abflussgemeinden wie beispielsweise im Bezirk Horn, die am Subventionshahn von St. Pölten hängen. In diesen Grenzlandgemeinden haben die Vertreter*innen der Möchtegern-Windparkbetreiber ein leichtes Spiel und können die Summen niedrig halten, die sie den Gemeinderäten (für die Gemeindekassen) bieten, um über den Kopf der Bürger*innen hinweg den Ausverkauf der Landschaften in einem Umkreis von 60, 70 Kilometern der WKWs (Windkraftwerke) zu beschließen. So weit sind sie sichtbar (auch bei Nacht), die Kraftwerkriesen.

Die „eh nur” 2 % Niederösterreichs Grund und Boden, die für WKW-Zonen freigegeben werden sollen, sind ein weiterer PR-Gag in den Presseaussendungen der Energiewirtschaft des Büros von Energie- und Umweltlandesrat Dr. Stephan Pernkopf (ÖVP). Die Windkraftriesen dominieren die Landschaft weit und breit, drücken der gesamten Region zu 100 und nicht nur zu 2 % sichtbar den Stempel „Industriezone” auf. Grenzüberschreitend, zig Kilometer weit, was nicht nur 25 südmährische Bürgermeister in der direkten Nachbarschaft auf die Palme bringt, sondern tausende Menschen, die bisher die Online-Petitionen beidseits der tschechisch-österreichischen Grenze unterschrieben haben (vgl. Frainer Proklamation). Die Proteste ziehen sich quer über Europa (vgl. ZDF-Bericht) und auch Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll selbst hat bei seiner Antrittsrede vor dem neuen Landtag am 24. April 2013 bereits seine Bedenken geäußert:

„Ich will nicht, dass die Schlagschatten zu vieler Windräder den Blick auf unsere ästhetische Landschaft trüben.“

3ed65c9d7eSo kam es bis Einsendeschluss 14.2.2014 zu zig negativen Eingaben aus der Bevölkerung, durch NGOs, Bürgerinitiativen, Expert*innen aus Ökologie, Regionalentwicklung, Volkswirtschaft, Promis, Kunst/Kultur/Kreativwirtschaft und tschechische Behörden, um den Zonierungsplan zu stoppen, den Sie, sehr geehrte Landtagsabgeordnete, im Laufe der nächsten Wochen zur Absegnung vorgelegt bekommen werden.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Sie auf die komplexe und weitreichende Problematik des Zonierungsplanes aufmerksam zu machen und stehe Ihnen als Regionalentwicklungsexperte und Kontaktperson zu anderen unabhängigen Institutionen und Persönlichkeiten gerne zur Verfügung!

Machen Sie sich selbst ein Bild. Lauschen Sie den unterschiedlichen Stimmen, hören Sie vorallem denjenigen zu, die keinen Cent mit den geplanten WKWs verdienen werden, die nicht (in)direkt für die Banken und Energiewirtschaft arbeiten und keine betriebswirtschaftlichen, egoistischen Ziele verfolgen, wenn sie auf berechtigte Einwände und beträchtliche Schattenseiten dieser Form der Windkraftnutzung hinweisen. Es gibt längst umweltschonendere, volkswirtschaftlich sinnvollere Windkraftlösungen und Alternativen, um die große europäische Energiewende zu verwirklichen!

Ich bin ein großer Befürworter dieser visionären Energiewende und bin auch kein absoluter Gegner der veralteten, 200 Meter hohen WKWs. Sie sind echt dort okay, wo sie

* nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch volkswirtschaftlich Sinn machen (Stichwort nachhaltige Regionalentwicklung),

* schützenswerte Landschaften nicht entwerten (Stichwort Tourismus, Umgebung von Nationalparks, vgl. NÖN),

* die internationale Anerkennung von Nationalparks nicht gefährden (vgl. Stellungnahme der NP Thayatal GmbH),

* keine zusätzlichen Hochspannungsleitungen nötig machen und

* mit der Bevölkerung geplant werden – nicht wie jetzt an der Bevölkerung vorbei, die nur in Ausnahmefällen objektiv und allumfassend informiert und in Form von Volksbefragungen (wie z.B. in Groß-Siegharts 2013) in den Entscheidungsprozess eingebunden wird.

Uns steht eine Richtungsentscheidung ins Haus, sehr geehrte Damen und Herren. a) Demokratiepolitisch, b) energiewirtschaftlich, c) moralisch. Es liegt ganz allein in Ihren Händen: a) Nehmen Sie Ihr unabhängiges, FREIES MANDAT als Volksvertreter*innen wahr und stimmen im Sinne des Allgemeinwohls oder als verlängerter Arm der Konzerne, die die WKWs planen und der Banken, die die WKWs vorfinanzieren? b) Stimmen Sie für eine allumfassende Strategie, die das Repowerment von bereits bestehenden Kraftwerken, Stromsparen und individuelle Lösungen in den Fokus rückt oder die platte Förderung der Megaprojekte der Großindustrie? c) Wollen Sie Kraftwerktypen favorisieren, die unsere Umwelt schonen oder unter dem Vorwand Natur zu retten perverserweise unsere Natur zerstören?

Die Antwort zu obigen drei Fragen sollte Ihnen behilflich sein demnächst wohl überlegt, besonnen und ohne Klubzwang mit „Ja” oder „Nein“ zu stimmen, wenn der Windkraft-Zonierungsplan auf der Agenda des Landtags steht.

Ich hoffe Ihnen mit meinen Ausführungen eine Orientierungshilfe gewesen zu sein, danke Ihnen, dass Sie sich Ihre kostbare Zeit genommen haben sich mit dieser gerade für die Zukunft unseres Wein- und Waldviertels* existenziellen Thematik zu beschäftigen und schicke herzliche Grüße aus dem Grenzland,

Mag. Mario Lackner, Autor, Politikberater und Entwicklungforscher; @traumsieberei auf Twitter.

* = Gerade im Waldviertel haben sich lokal bis zu 70 % Zweitwohnsitzer*innen hauptsächlich aus dem Raum Wien angesiedelt, im Sommer kommen Tourist*innen aus ganz Mitteleuropa (und es würden auch noch jede Menge mehr kommen, wenn das Waldviertel tourismuswirtschaftlich optimal platziert würde) gerade weil hier KEINE Industrie angesiedelt wurde, weit und breit die Sicht windkraftturmFREI ist. Wer glaubt, dass die Besucherzahlen in der Region steigen werden, wenn im Wald zig WKWs von 200 Meter Höhe platziert werden, weiß nichts über die Zielgruppe Öko-Tourist, Freigeist, Pensionist und Kreativschaffender, die hier Auszeit, Inspiration und Ruhe suchen. Diejenigen, die jetzt die WKWs als finanziellen Rettungsanker für kaufkraftschwache Grenzlandregionen verkaufen, werden bald schon realisieren müssen, dass mittel- und langfristig durch die WKWs mit Verlust zu rechnen ist, der bis dato in seiner gesamten Dimension ohne fundierte transdisziplinäre Zukunftsszenarios nicht abgeschätzt werden kann! (vgl. Artikel)

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13 Gedanken zu „Wasserdampf und Ausverkauf. Eine Entscheidungshilfe für unsere Landtagsabgeordneten zum Thema Windkraft.

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  2. DAS!ALLES Autor

    Update 18.2.2014: Landtagsabgeordneter Udo Lindbauer von der FPÖ Wiener Neustadt antwortet freundlich auf den offenen Brief und beschäftigt sich mit der Thematik.

    Antwort
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