Abseits der Zwei-Geschlechter-Norm.

Ein Artikel von Paul Haller*, Erstpublikation bei der Grünen Bildungswerkstatt Wien

Es gibt Frauen und es gibt Männer, das „weiß“ doch jedes Kind. Leider! Denn dieses Schein-Wissen hat verheerende Folgen für Intersex-Personen, also Menschen, die biologisch keinem der beiden Geschlechter eindeutig zuordenbar sind.

„Gehen Sie ruhig davon aus, eine zwischengeschlechtliche Person zu kennen. Ohne es zu wissen. Hierüber wird nicht gesprochen“, so Gabriele Rothuber, die als Intersex-Beauftragte der Menschenrechtsorganisation HOSI Salzburg das Thema aus der Tabu- und Sensationszone reißen möchte. Gelungen ist ihr das mit dem Intersex Solidarity Day am 8. November 2013 an der Universität Salzburg, zu dem rund hundert Interessierte erschienen. Unter ihnen waren Personen aus Politik, Universitäten, dem medizinischen und Gesundheitsbereich, aber auch Betroffene und Angehörige. „Ein erster Schritt um der Normalität zum Durchbruch zu verhelfen“, wie Josef Lindner, Obmann der HOSI Salzburg, in seiner Eröffnungsrede anmerkt.Bild

Nach weiteren einleitenden Worten von Rothuber und Cornelia Brunnauer vom GendUp, dem Zentrum für Gender Studies der Universität Salzburg, folgte die Österreich-Premiere des Animationsfilms „Hermes und Aphrodite“. Das weitere Programm bestand aus einer Podiumsdiskussion zur Situation von Intersex-Personen in Österreich sowie der Präsentation des Dokumentarfilms „Tintenfischalarm“. Abschließend beantwortete Alex Jürgen, Intersex-Aktivist und Protagonist der Dokumentation, gemeinsam mit Gabriele Rothuber und der Politikwissenschaftlerin Andrea Gruber Fragen aus dem Publikum.Bild

Am Podium (v.l.n.r.) Andrea Gruber, Alex Jürgen, Gabriele Rothuber (Foto: Gernot Marx)

Intersex – wer ist das?

Menschen sprechen von sich als Intersex oder zwischengeschlechtlich, wenn einzelne ihrer Geschlechtsmerkmale, wie die äußeren oder inneren Genitalien, Hormone oder Chromosomen nicht als eindeutig männlich oder weiblich definiert werden oder sie sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. Den medizinischen Fachausdruck „Disorder of Sexual Development“ (DSD) weisen deutsche und internationale Intersex-Verbände entschieden zurück, da er von der Norm abweichende geschlechtliche Ausprägungen als Krankheit definiert. Österreichische Intersex-Verbände gibt es bis dato keine.

Intersex müsse als Sammelbegriff verstanden werden, erläutert Rothuber, da eine Vielzahl von Besonderheiten bekannt sei. Die Wissenschaft kenne rund 4.000 Varianten geschlechtlicher Differenzierung. Jedes Kind würde mit seinem eigenen individuellen Geschlecht geboren, ein bis zwei von tausend mit einem eindeutig intersexuellen. Dies muss allerdings nicht bereits ab der Geburt sichtbar sein. In 85 Prozent der Fälle würden körperliche Veränderungen erst in der Pubertät auftreten, indem zum Beispiel Mädchen „vermännlichen“ oder Jungs „verweiblichen“.

Obwohl in der Regel keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen vorlägen, werde die Mehrzahl der Betroffenen operiert. Dies ziehe häufig den Verlust der Gebär- oder Zeugungsfähigkeit, eine Verminderung der sexuellen Empfindsamkeit sowie eine Vielzahl von Folgeoperationen und -behandlungen nach sich. „Dies sind rein kosmetische Zwangsbehandlungen zur Normanpassung“, so Rothuber. Gesunde Körper werden zu medizinischen Notfällen erklärt, fügt Josef Lindner hinzu.

Bedrohliche Norm.

Alex Jürgen, der seit rund zehn Jahren als Intersex-Aktivist in Erscheinung tritt, hat mit den Folgen seiner „geschlechtsangleichenden“ Operation im frühen Kindesalter zu leben. Bei einer an die Vorträge anschließenden Podiumsdiskussion kritisiert er die traumatisierenden Eingriffe, die mit Genitalverstümmelungen gleichzusetzen seien. „Wer definiert die Norm?“, fragt Jürgen und fordert ein Ende der „Zwangsoperationen“, ein Recht auf körperliche Unversehrtheit sowie auf Selbstbestimmung über die eigene Geschlechtsidentität.

„Ich fühle mich verstümmelt“, meldet sich eine Person aus dem Publikum. Rasa erzählt über ihre eigenen Erfahrungen als Intersex, über „angleichende Operationen“ im Jugendalter von der Reduktion der Klitoris bis zur Entfernung der Hoden. „Es wird deutlich“, so Gabriele Rothuber, „dass es nicht die Kinder sind, die operative Behandlungen benötigen, sondern die Eltern die psychosoziale Hilfe brauchen.“ Eine erste Anlaufstelle kann die neu eingerichtete E-Mail-Adresse intersex@hosi.or.at der Intersex-Beauftragten der HOSI Salzburg sein, an die sich Betroffene und Angehörige wenden und anonyme Beratung in Anspruch nehmen können.

Wir müssen umdenken!

Auf eine Frage aus dem Publikum, welche konkreten Maßnahmen das Land Salzburg setze, um pädagogisches und medizinisches Personal zu schulen beziehungsweise um gegen Gewalt an Intersex-Personen sowie für ihre gesellschaftliche Sichtbarkeit einzutreten, ergreift Landtagsabgeordnete Ingrid Riezler (SPÖ) das Wort. Sie bekomme auf dieser Veranstaltung erstmalig Informationen und könne sich nun weiter informieren. Das Thema und die geäußerten Anliegen würde sie in den Landtag tragen. Ernüchternd und ein Anfang zugleich.

Die Zweigeschlechtlichkeit sei eine der ältesten und wirkungsvollsten Normen, die über den Zugang zu gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Ressourcen entscheide, so Cornelia Brunnauer. Diese Norm gilt es nun aufzubrechen und geschlechtliche Vielfalt anzuerkennen. Alex Jürgen betont, dass Intersex-Personen in anderen kulturellen und historischen Kontexten unterschiedlich wahrgenommen würden: „Es ist nicht abnorm, sondern eine kulturelle G‘schicht, bei der wir umdenken müssen!“

Links

Intersexuelle Menschen e.V. :: Website des Intersex-Aktivisten Alex Jürgen :: Blog von Rasa

Homosexuelle Initiative (HOSI) Salzburg: http://www.hosi.or.at/

Schwerpunkt-Ausgabe der Zeitschrift an.schläge zum Thema Intersex

*Paul Haller studiert Internationale Entwicklung und ist Mitglied des Redaktionsteams der Grünen Bildungswerkstatt  Wien sowie des Paulo Freire Zentrums. Er arbeitet bei der Wiener Assistenzgenossenschaft (WAG) und im Büro der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien.

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