YES IT’S FUCKING POLITICAL: DJ Gerald van der Hint im GrenzlandDemokratie-Interview.

Alles sei politisch, so Skunk Anansie in obigem Livemitschnitt. Mit dieser Aussage stehen sie im kreativen Feld nicht alleine da. Sich über Musik, Songtexte, Performances politisch auszudrücken ist auch für viele queere Künstler*innen Ventil – Ventil für was eigentlich? GrenzlandDemokratie-Chefredakteur Mario Lackner hat sich mit DJ Gerald van der Hint darüber ausgetauscht:

Hallo Gerald! Du fällst immer wieder durch Facebook-Postings auf, in denen du dich über tages- und gesellschaftspolitische Themen aufregst, dich „empörst“, um es mit einem geflügelten Wort von Stéphane Hessel zu sagen. Das ist ungewöhnlich für Österreichs Kreativbranche, nicht wahr? How come?

Es mag momentan ungewöhnlich sein, aber Österreichs Kreativbranche steht eigentlich in der Tradition von politischem Aktivismus. Ich denke da an Bands wie Drahdiwaberl oder Die Schmetterlinge. Außerdem war AustroPop immer sehr politisch. Auch in der aktuellen Szene hat sich da einiges getan. Ich denke da zum Beispiel an die Betreiber des populären Clubs Grelle Forelle, die ein generelles Hausverbot für FPÖ-Wähler verhängt haben. Das ist ein sehr klares, hartes Statement. Das gefällt mir persönlich auch sehr gut. Manche DJs haben eventuell bedenken ihre Meinung zu äußern, weil sie die Reaktion fürchten. Man könnte ja potentiellen Veranstaltern missfallen und dadurch Bookings einbüßen, oder etwa Gäste abschrecken. Andere denken vielleicht, dass Feierkultur prinzipiell unpolitisch sein sollte. Dieser Ansicht war ich nie. Ich teile die Meinung dass alles im Leben politisch ist. Und ich rede da nicht von Parteipolitik.

Ist in deinem Künstlernamen – Gerald van der Hint – bereits eine politische Botschaft versteckt, noch bevor du an die Turntables trittst und der Meute einheizt?

Der Name entstand als Scherz. Es ist eine Abwandlung von „von hinten”, wie es einer meiner Schulkollegen gerne verwendet hat, um anderen zu unterstellen, sie wären homosexuell. So gesehen ist van der Hint politisch, auch wenn ich mitlerweile weiß, dass es den Namen tatsächlich als ganz normalen Nachnamen in Holland gibt.

Welche Rolle spielt deine sexuelle Identität in deiner Arbeit als DJ und, öhm, definierst du dich sexuell überhaupt? In Zeiten von queer theory und Praxis einerseits und klar umrissenem Homo- oder Hetero-Sein andererseits eine Frage, die sich aufdrängt…

Ich definiere mich nicht. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es das Ziel der Homosexuellenbewegung ist, dass es vollkommen gleichgültig ist, wie man gepolt ist. Schwule Ghettos sollen ja irgendwann mal der Vergangenheit angehören. Ich verstecke mich jedoch nicht. Ich denke, dass weiß auch jeder, der das hier liest.

Wäre das vielleicht eine Lösung für den Konflikt mit der Gesellschaft, mit dem viele leben, die sich selbst à la „proud to be gay“-Philosophie der 1970er- und 80er-Jahre explizit als Lesben und Schwule bezeichnen? Sich nicht mehr zu definieren und einfach sein/ihr Ding durchzuziehen?

Das ist sehr schwierig und ich traue mir da keine Aussage zu. Außerdem will ich niemandem Vorschriften machen, wie er oder sie zu leben hat. Ich denke, die gefühlte Grenze zwischen sich verstecken einerseits und definieren andererseits verläuft individuell unterschiedlich. Ich bin pessimistisch, dass sich an der Lage der Homosexuellen etwas ändern wird. Die Schwulen und Lesben haben ihren Platz im Turbokapitalismus gefunden. Viele sind damit zufrieden, weil es auch nicht der schlechteste Platz ist. Auf den ganz miesen Rängen befinden sich ja noch die Asylwerber, das sogenannte Prekariat etc. Die meisten Mitglieder der „Community“ haben Jobs, viele davon mit gutem oder sogar sehr gutem Verdienst, haben Leitfiguren in den Medien, sind in Film-, Kunst- und Musik vermutlich sogar überrepräsentiert usw. Es gibt – wie schon gesagt – schlimmere Schicksale als ein homosexueller Mensch in der ersten Welt zu sein. Das nur als Erklärungsversuch, warum Zufriedenheit den Kampfgeist überwiegt und sich Fragen zum gesellschaftlichen Konflikt bzw. dessen Lösung klar nach hinten verschieben.

Wie drückt sich die in deinen Antworten spürbare Systemkritik in deinem kreativen Schaffen aus und was ist dein politischer Akt in deinem Tun als DJ, in deiner offensichtlichen (bewusst inszenierten?) Verkörperung von (sozial konstruierter) muskulöser, tätowierter Männlichkeit?

Quelle: Facebook-Profil Gerald van der HintQuelle: Facebook-Profil Gerald van der HintQuelle: Facebook-Profil Gerald van der HintQuelle: Facebook-Profil Gerald van der HintQuelle: Facebook-Profil Gerald van der Hint

Viele Leute denken dieses Auftreten wäre inszeniert. Das ist es de facto nicht. Ich bin so wie ich bin. Und ich stehe nun mal auf Fußball, Bier, Tattoos, Kraftsport und große Hunde. Als ich vor über 10 Jahren als Drum & Bass DJ im Flex begonnen habe, hat das interessanterweise keiner hinterfragt. Jetzt habe ich zwar vorher zu Protokoll gegeben, dass ich mich selber nicht definieren will. Innerlich aber freue ich mich natürlich immer gerade dann, wenn Menschen ihr Coming Out vollziehen, die wirklich keiner am Radar hatte. Wie zum Beispiel Gareth Thomas, ein gestandener Rugby-Spieler. Das gefällt mir. Ich respektiere aber auch die Wahl der vielen tausenden schwulen und lesbischen Spitzensportler*innen, die lieber nicht darüber reden wollen. Alles ist politisch. Die Leute wissen wofür ich stehe. Manche lieben mich, andere hassen mich dafür und bezeichnen mich als radikal. Damit kann ich leben. Ich freue mich, dass trotzdem alle im Club bei mir zusammen kommen und meine Sets abfeiern. Ich schaue auch noch Filme mit Jack Nicholson, obwohl ich über seine Ansichten kotzen könnte. Kompetenz und Kritik. Diskurs und Konfrontation. Dafür sollte bei Kunstschaffenden – und für mich ist die Clubkultur eben eine Art des Schaffens von Kunst und Kultur – immer Platz sein.

Wo kann mit dir demnächst abgefeiert werden und wo kann man online deine Sets nachhören?

Auf GuySpy ist nicht nur ein anderes Interview mit mir online, sondern auch ein DJ-Set vom CIRCUS im September 2013. Termine mit mir im November:

16.11. – CAMP 77 Heroes & Icons – Neidklub – Hamburg
29.11. – BRETT – Badeschiff – Wien
30.11. – Red Ribbon Night – Bar Schneiderei – Linz, alles weitere auf Facebook und meiner Soundcloud!

Cool. Klasse Zeit in Hamburg und Linz, danke fürs Interview und weiterhin alles Gute!

Quelle: Facebook-Profil Gerald van der Hint

Quelle: Facebook-Profil Gerald van der Hint

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