Der SongContest IST politisch! Mave O’Rick im GrenzlandDemokratie-Interview.

Mit diesem Song und seiner sprühenden Bühnenpräsenz machte er nicht nur beim österreichischen SongContest-Fanclubtreffen 2013 auf sein kreatives Schaffen aufmerksam: Mave O’Rick lernte in Larnaka beim Golden Melody International Song Festival 2011 ESC-Legende Anne-Marie David kennen, interpretierte mit ihr den Evergreen «Tu te reconnaîtras?» auf Deutsch neu und ist in den letzten Jahren ähnlich wie Madame David und wir vom Projekt Fire For Victory mit den Untiefen des staatsnahen Showbiz auf Tuchfühlung gegangen. Ein Gedankenaustausch über Kunst, Pop, Politik, Selbstausdruck und … Betrug:

Hallo Mave O’Rick! Was treibt dich auf die Bühne, was treibst du dort und wie kommst du zu dem in halb Mitteleuropa nicht (mehr) massentauglichen Zeitvertreib Eurovision Song Contest?

Hallo Mario … ich bin Künstler, ich muss mich ausdrücken und meine Ideen loswerden, das ist wohl der Trieb eines Künstler und deswegen gehe ich auf die Bühne bzw. in die Öffentlichkeit. Und dort präsentiere ich Songs, Kollaborationen und Ideen aus meiner Feder! Der Eurovision Song Contest ist ganz einfach in meiner Kindheit neben der in Deutschland sehr berühmten Hitparade im ZDF der erste Berührungspunkt mit der Musikwelt für mich gewesen. Warum man dafür dann eine Faszination entwickelt ist wahrscheinlich genauso ungeklärt wie die Frage warum man homosexuell wird. Bei mir allerdings ist es ganz klar die Mischung aus Musik, Wettbewerb und ein Faible für Ergebnisse, Statistiken etc. Meine Welt besteht aus Popmusik und sportlichem Ehrgeiz und Eigenmotivation. Daraus resultiert wohl fast zwangsläufig eine Begeisterung für dieses eher skurrile und fast widernatürliche Event.

Das jährlich größte TV-Ereignis der Welt eine eher skurrile, fast widernatürliche Angelegenheit? Seit wann beobachtest du den Contest und wie kommt es zu dieser harschen Kritik?

Meinen ersten Eurovision Song Contest habe ich als Kind 1986 schauen dürfen, seit Sandra Kims damaligen Sieg bin ich irgendwie darauf hängen geblieben. Ich liebe diesen Event und deswegen ist das Wort „skurril“ und „widernatürlich“ auch nicht als Kritik zu verstehen, sondern als objektive Feststellung. Vorausgesetzt Musik oder einen Song als Kunst zu verstehen, ist es höchst unnatürlich in einem Wettbewerb Kunst miteinander zu vergleichen und gegeneinander in Wettbewerb zu stellen, denn es gibt ja keine messbare Größe einer tatsächlichen Leistung. Die Ambition eines Künstlers ist es nicht sich bewerten zu lassen, streng genommen ist es ihm sogar recht egal, was andere über seine Werke denken oder davon halten. Kunst entsteht aus der Ambition sich mitzuteilen, nicht sich bewerten zu lassen.Das Damoklesschwert der positiven wie negativen Bewertung ist integraler Part des eurovisionären Spiels. Hängt aus deiner Sicht damit die Art von Shows und Songs, die dort präsentiert werden, in Verbindung? Würden andere Sänger*innen teilnehmen, wenn es ein Musikfestival wäre, an dessen Ende nicht eine ganze Nation zur Siegerin erklärt wird?

Mit großer Sicherheit „Ja!“ … im Gegensatz zu einem „normalen“ Song den ein Künstler aus der eben beschriebenen Motivation heraus macht, weil er es auf seinem Album haben möchte, ein Video dazu drehen möchte oder ähnliches damit vorhat, begibt sich ein Songwriter ja in eben diese widernatürlich Situation zu versuchen seine Kunst zu kalkulieren. A) weil er die Ambition hat selber gut abzuschneiden und B) weil der Druck es einem ganzen Land recht zu machen noch dazu kommt. Ich würde sagen 95 % der über 2000 Songs wären ohne die Eurovision gar nicht erst geschrieben worden, und viele Künstler bleiben diesem Event schon aus dem Grund fern, weil sie es gar nicht erst einsehen Ihre Werke beurteilen zu lassen. Nicht für sich und schon gar nicht stellvertretend für eine ganze Nation.

Was war dann deine Motivation dich ins Fegefeuer der schweizerischen Vorentscheidung 2011 zu begeben? Ich hatte dort übrigens im Jahr darauf einen Song mit Sankil Jones im Rennen, exakt für die Bühne in Baku zugeschnitten…

Ich hatte ja bereits in der ersten Antwort durchblitzen lassen, dass ich zusätzlich mit dem Sportler-Gen „gesegnet“ bin, und so gibt es Momente in denen es mir lediglich um die Kunst geht, und es gibt Momente wo ich Spaß daran habe mich mit meinen Möglichkeiten einem Wettbewerb zu stellen … Der Schweizer Vorentscheid war lediglich die erstbeste Chance im Rahmen des ESC daran teilzunehmen, weil es deren Regeln erlaubten.

Regeln – gutes Stichwort: jeder teilnehmende öffentlich-rechtliche Rundfunk kann frei darüber entscheiden wie er welches Song/Sänger/Show-Paket für Europas Pop-Wettbewerb nominiert. Würden beispielsweise in der Schweiz oder Österreich andere Auswahlkriterien auch zu qualitativ hochwertigeren und konkurrenzfähigeren Beiträgen führen? Und unter welchen Bedingungen würdest du dich einem Selektionsprozess für die Eurovision wieder unterziehen?

Es ist sehr schwer da eine Lösung zu finden. Natürlich muss es eine interne Selektion geben, die einem breiten Publikum zur Wahl gestellt wird, denn kein normaler Voter hört sich wie im Fall der Schweiz 150 Videos an und entscheidet dann spontan nach seinem Geschmack. Aber auch in der Vorauswahl gibt es dann schon die Fehlerquellen. Oftmals ist das „ESC Business“ durchzogen von egozentrischen Hintermänner, die eigentlich nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Dass dabei nicht unbedingt ein akzeptables Ergebnis im Sinne von aktuell erfolgreicher oder auch guter zeitloser Musik herauskommt, liegt in der Natur der Sache, und deswegen ist der ESC auch nie wirklich ernst zunehmen im Rahmen der „wirklichen“ Musikwelt, von Kunst mal ganz zu schweigen. Was mich angeht, so nehme ich das Leben, meine Kunst und diese ganzen Umstände nicht immer zu ernst und reiche wie gerade jetzt im Fall der Schweiz erneut einen Song ein, der mit dem üblichen zu erwartenden Material wenig zu tun hat: Dancin‘. Die Sieger dieser Veranstaltung stehen in der Regel ja eh fest, bevor ein Voter auch nur einen einzigen Song kennt. Wenn man das weiß, ist es doch ein Spaß einen eigenen Song kostenfrei etwas promotet zu wissen. Wenn nur ein Hörer das Teil gut findet und daraus positive Energie zieht, ist mein Part doch erfüllt, scheiß auf das Ergebnis!

Von vielen Seiten hört man, dass bereits vorab die Sieger*in feststeht, was wahrscheinlich mit der von dir erwähnten Egozentrik zusammenhängt, die sich auch durchs politischen Feld zieht. Dein Umgang mit den Rahmenbedingungen klingt pragmatisch. Regt sich da kein Unmut bei dir und anderen Künstlerkolleg*innen, wenn in vordergründig demokratischen Prozessen wie einer öffentlichen ESC-Vorentscheidung das interessierte Publikum gar nach Strich und Faden belogen und betrogen würde?Ja gut, da kann ich nur für mich sprechen und sagen: Ich kenne das Spiel und nutze es als kleine Promo. Als kleiner Act Ambitionen zu haben, das Ding auf nationaler Ebene zu gewinnen, ist naiv!

Sind dir positive Beispiele bekannt, wo nicht hinter den Kulissen getrickst wird und ganz sicher der Beitrag zum ESC geschickt wird, der das Televoting der nationalen Vorentscheidung gewinnt? Oder anders gefragt: Siehst du TV-Stationen, die einen kommerziell erfolgreichen Weg verfolgen, dabei auch auf künstlerische Freiheit und Qualität Wert legen und das Schicksal entscheiden lassen – nicht womöglich den mit der fettesten Brieftasche?

Also ich möchte auch nicht pauschal diese Aussagen so unterschreiben! Beweise gibt es nirgends, Vermutungen liegen aber sehr nahe! Es gibt viele Wege seinen Act für den ESC zu finden und oftmals sind die scheinbar demokratischsten halt die verlogensten. Das wohl undemokratischste Mittel, nämlich die Direktnominierung eines Künstlers, hat für mein Empfinden allerdings 2013 zum besten Resultat geführt in Form der niederländischen Sendeanstalt. Die Sängerin Anouk hat scheinbar ohne Einwirken von Funktionären Ihren Song gewählt, eine Entscheidung der Künstlerin selber. Im Rahmen dieser Diskussion hier ist das natürlich höchst undemokratisch für das holländische Publikum, aber das Ergebnis war grandios, gerade in Bezug auf den Ursprung dieses Interviews: Wann ist Kunst gut und wie entsteht ein ehrliches Stück Kunst und somit auch ein Gutes! Ein mehr als respektabler Top 10 Platz durch Leistung und nicht kalkulierter Kunst spricht eigentlich Bände, denn dieser Song wurde ganz offenbar niemals unter dem „Druck“ geschrieben, dass er ein Ergebnis bekommt!Besser eine geradlinige, nachvollziehbare Entscheidung ohne Publikumsbeteiligung als eine pseudo-demokratische kommt mir da als Kommentar aus. Ja, das Beispiel des niederländischen Beitrages „Birds“ 2013 zeigt, dass Kunst und Kommerz, Unterhaltung und Philosophie keine Gegensätze sein müssen, einander gekonnt ergänzen können. Das macht doch Hoffnung für die Direktnominierung von Conchita Wurst für Österreich 2014, nicht wahr? Bevor ich jetzt aber gänzlich aus der Interviewerrolle falle, eine letzte Frage für heute: Ist der ESC für dich eine politische Veranstaltung und was leistet er für das Projekt Europa?

Wow, also das als letzte Frage zu stellen ist natürlich hart! Das Thema füllt eigentlich mehrere Interviews. NEIN, der ESC ist nicht politisch, weil die EBU sagt er sei es nicht. JA, natürlich ist der ESC politisch, wer anderes glaubt und denkt ist dumm! Er ist ein Spiegelbild des europäischen politischen Zeitgeschehens, in jeder Epoche. Er hat Europa über eine lange Zeit auf dem Weg begleitet sich zu einen, in den 90ern war Europa so vereint, dass es fast langweilig war und der ESC so öde, dass gar nicht mehr nötig. Dann wurde Europa größer und bunter und der ESC kommerziell erfolgreicher, doch jetzt müssen wir aufpassen, dass die politischen Strukturen, korrupten Institutionen, die unnötige „Political Correctness“ und die unausgesprochene Wahrheiten nicht Europa gefährden. Auch hier ist der ESC ein Spiegelbild. Die Diskussionen um gekaufte Siege, Punkteschiebereien, falsche Entscheidungen von wenigen – all dies wird den ESC auf den Prüfstand stellen und könnte das Event spalten. Die Anzeichen sind da, die ersten Gegenveranstaltungen geplant…

So ist diese letzte Frage auch angelegt – sie schreit nach Fortsetzung dieses Gedankenaustausches. Herzlichen Dank für heute, Mave O’Rick und wann dürfen wir dir in der Schweiz die Daumen für die Qualifikation für die dortige VorentscheidungsShow drücken?

Im November! Alle Infos unter dem Link zum Song Dancin‘ gleich hier im Anschluss 🙂

Das Interview führte Mario R. Lackner, ESC Creative Consulter. Mehr Mave O’Rick im Internet!

Mave O’Ricks Beitrag zur schweizerischen Vorentscheidung 2014: Dancin‘

Quelle: starclub-magazin.deQuelle: starclub-magazin.deQuelle: starclub-magazin.de

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4 Gedanken zu „Der SongContest IST politisch! Mave O’Rick im GrenzlandDemokratie-Interview.

  1. Pingback: Perlen der Vorentscheidung: Ave Helvetia, Morituri te salutant

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